“Ich bin unrund” oder der “Post-Erasmus Blues”

Irgendwie hat man das Heimkommen immer vor Augen, das Abreisedatum, der 2. Juli ist immer so über mir geschwebt, zu gerne habe ich verdrängt, dass es irgendwann, zu bald, wieder Richtung Heimat geht. Die Heimat – Segen und Fluch zugleich. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig hart. Natürlich hab ich mich gefreut meine Freunde wiederzusehen, die Berge, die Seen, das Essen, meine Familie – all das wiederzuhaben, meine Lieben wieder in die Arme schließen zu können, aber was man zurücklässt ist dann doch einiges. Und dann diese Angst – ich weiß zwar, dass ich mich in der Zeit im Ausland verändert habe, die Veränderung sehen aber dann die Daheimgebliebenen eher als man selbst. – Angst mehr oder weniger vor mir selbst – vor dem Ich, dieser Version seiner Selbst – vor dem Erasmusaufenthalt. Ich weiß, dass mancher vermutlich sagen wird: “Mach ma halblang, du warst fünf Monate in Italien und langsam is auch wieder gut.” Aber so einfach ist das nicht – in dieser Zeit verändert man sich – wenn man nach Hause kommt schlüpft man nicht wieder einfach in seine alte Haut zurück – vor allem wenn man genug Pasta und Pizza intus hat, kommt man da schlichtweg nicht mehr rein. Und dann hatte ich Angst genau davor – wieder in alte Gewohnheiten zurückzufallen, wieder alten Problemen und Sorgen zu begegnen. Doch ich hab beschlossen mich meinen Ängsten zu stellen – ich war schon an Orten mit denen ich sehr viel verbinde, sowohl positive als auch negative Erinnerungen – Erinnerungen die mir Gänsehaut verpassen und mich die Luft anhalten lassen- und es ist gut gegangen. Einmal tief durchatmen und weiter gehts. Was ich in diesen Momenten, an diesen Orten gefühlt habe war eher Leere – ich dachte, dass mich Wellen an Emotionen aus dem Gleichgewicht bringen würden doch dem war nicht so. Was passiert ist, ist nunmal passiert – vielleicht bin ich endlich soweit weiterzugehen und abzuschließen. Im Zuge dieses Beitrags blicke ich zwar nochmals zurück, aber allzu oft werde ich mich dem nicht mehr widmen – jetzt bin ich eher am heulen weil ich einer der großartigsten Städte in denen ich je Zeit verbringen durfte zurücklassen habe und wieder zu Hause bin. Neue, wunderschöne Erinnerungen haben die alten, wegen denen ich mich oft elendig gefühlt habe, verdrängt und den guten die ich bereits hatte und dazugewonnen habe, Platz gemacht. Lange halte ich es daheim nicht aus. In der Arbeit bin ich von 7-16:00 – eine Arbeit bei der sich gefühlt mein Hirn zersetzt – würde ich nicht mit meinen jüngeren MitarbeiterInnen und ebenfalls Ferialpraktikantinnen quatschen und herumblödeln, wäre ich wohl schon durchgedreht. In der Arbeit komme ich nicht mal zum Nachdenken, irgendwie gelingt es mir im Moment generell nicht gut meine Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit zu richten. Parallel schreibe ich an diesem Beitrag, sowie an einem anderen in dem ich meine Lieblingsorte in Bologna präsentiere. 10 Minuten mache ich mein Sportprogramm, dann latsche ich wieder zum Kühlschrank, im nächsten Moment sitze ich auf der obersten Stufe des Pools und observiere Insekten die sich scheinbar mit Selbstmordgedanken am Beckenrand tummeln. Abends auf der Couch observiert mich meine Mutter und kneift die Augen zusammen. Ich keife los „Was ist denn?“ – „Du bist unrund…“ merkt sie an und schüttelt kaum sichtbar den Kopf. „Das alles stiehlt meinen Spirit“ grummle ich nur und ich vergrabe mein Gesicht im Polster. Schon wenn ich dies schreibe habe ich einen Kloß im Hals und wiegesagt, ich weiß, ich übertreibe ein wenig – Aber ich gebe mich grad einfach gerne diesem Sog hin der mich am Boden hält – dem Erasmus Blues. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Pubertäts-Remake – daheim fühle ich mich unverstanden und ich will die ganze Zeit nur raus, on the road, den Wind wieder in den Haaren spüren, die Meeresluft atmen und das Salz auf den Lippen schmecken. Meinen verbrannten Poppes im Spiegel betrachten, billige Pizza essen und meine Finger durchs verdörrte Gras gleiten lassen. Erst eine Woche da und ich bin schon wieder urlaubsreif. Dies soll nicht falsch verstanden werden. Ich hab hier absolut alles was ich brauche – aber hier geht es nicht um Materielles. Ich fühle mich als wäre mein Horizont wieder näher an mich herangerückt und mit allen Mitteln will ich ihn von mir wegstoßen, den Himmel öffnen – alles von oben sehen. Hier in St. Pölten ist es nicht so leicht einen guten Hügel zu finden von dem ich einen Blick über die Stadt habe – für mich hat sich das Besteigen der Bologneser Hügel, einer der Torri oder auch das Hinaufgehen auf die Krankenhausterrasse immer angefühlt wie ein erlösendes Ausatmen. Wenn sich einfach alles anstaut, waren dies die Orte wo ich loslassen, die Augen schließen und einfach mal atmen konnte.

Himmel

Auch hier kommt in diesen Tagen einfach viel zusammen : Arbeiten, allen wieder Hallo sagen, Wohnungen besichtigen, vl bald in die Selbständigkeit starten… ich bin wieder in der Realität angekommen – eindeutig – spätestens dann, als ich mit einem leichten Druck mit dem Zeigefinger wieder zum ersten Mal den Induktionsherd betätigt habe und ein klägliches Geräusch von mir gab. Meine Schwester verdrehte bei dieser Aktion nur die Augen, drängte sich an mir vorbei und meinte „Get over it“. Theatralisch verkündigte ich auch beim gestrigen Grillen mein “1 Week at home anniversary” und erntete ein … „Jetzt gib an Frieden und iss“, in der Innenstadt lasse ich mich nur ungern vom italienischen Eisverkäufer wegziehen und meine Tennisladies seufzen nur hörbar als ich ihn irgendwie versuche in ein Gespräch zu verwickeln. Ich merke – Verständnis für meine Zustände fehlt eindeutig, aber es sind die kleinen Dinge die mir schließlich helfen. Die eine Freundin die mir für den nächsten Tag am Handy eine Veranstaltung mit dem Namen „Ich hab dich lieb ❤ „ einspeichert, die andere die einfach 2h mit mir im Pool hängt oder die, die dank einem mehrstündigen Telefonat Sizilienfeeling bei mir aufkommen lässt, Sprachnachrichten meiner italienischen Mitbewohnerinnen, beim Inlineskaten einfach mal laut lossingen obwohl da Leute stehen ( „I’m in loooooooove with your boooodyyyy – ah Grüßgott ..“) am See liegen und mich nach oben starrend in den Wolkenformationen verlieren…

Wiegesagt – der Erasmusblues gehört zur Erasmusexperience wohl einfach dazu und möglicherweise ist es gar nicht so schlecht meine Schwester beim Wort zu nehmen, denn ein Rezept für die Bekämpfung dieses Zustandes gibt es nicht – I’ll get over it – (mit ein bissi Sudern und ganz ganz viel <InschönenErinnerungenschwelgen> mit Riesenvorfreude auf neue).

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s