Blogs Blogs Blogs – und warum wir alle selbstbezogene Arschlöcher sind

Es ist einfach ein schönes Bild mit makelloser Haut und tollem Make up online zu stellen – diversen Schminkapps und Instagram sei Dank. Es ist einfach ein Selfie mit dem neu erstandenen Outfit zu posten und sinnbefreite Hashtags darunter zu setzen – #follow4follow, hauptsache die Likes fließen, ich fühl mich gut – Bestätigung durch andere, ihr wisst schon und niemand beschwert sich – Oder doch? Vor ein paar Wochen habe ich den scheinbaren Fehler begangen in einem Blogpost über meine Gefühle zu schreiben, mich zu öffnen und festzuhalten was mir so durch den Kopf ging – zu einem Thema zu dem, wie ich dachte, vielleicht der ein oder andere in dieser Welt einen Bezug finden würde, vielleicht nickt und sagt „Das kommt mir irgendwie bekannt vor..“ Es ging um die Suche nach dem Selbst. Wer fühlt sich im Zuge des Erwachsenwerdens denn nicht oft hilflos und desorientiert? Gerade lese ich das Graphic Novel „Ghost World“ von Daniel Clowes in dem es um zwei Mädchen geht die nach Ende ihrer Schulzeit versuchen ihren Weg in die Erwachsenenwelt zu finden – jede auf ihrer eigene Art und Weise. Die eigene Identität aufzubauen, die des erwachsenen, hoffentlich einmal finanziell unabhängigen, arbeitenden, fühlenden Selbst und gleichzeitig die Kindheit und all die Dinge wie Spielsachen oder das alte Kinderzimmer – Dinge über die man sich definiert hat zurückzulassen ist schwer, verdammt schwer. Mit 17, 18 hab ich mich oft gefragt: Wer bin ich und wer möchte ich eigentlich sein? Die Kinderversion von mir selbst erschien mir damals die Identität derer ich mir sicher war; Mein Jetzt-Ich war gerade noch im Konstruktionsprozess und mein zukünftiges Ich – woher zur Hölle sollte ich wissen was ich in 10 Jahren so treiben würde. Oftmals erscheint es mir so als würden wir uns als junge Erwachsene in einem Zwischenuniversum bewegen. Den Platz in der Vergangenheit, in der Kindheit haben wir trotz Spielsachen oder alter Kleider an die wir uns bis zuletzt klammern und einfach nicht wegwerfen können verloren, in der Erwachsenenwelt sind wir jedoch auch nicht richtig angekommen. Etwas lost irren wir umher, auf der Suche nach einem Platz in dieser Gesellschaft, in dieser Welt; Auf der Suche nach Dingen über die wir uns definieren können, auf der Suche nach Menschen durch die wir lernen wer wir sind, Menschen von welchen wir uns abgrenzen um zu begreifen wer wir nicht sind. In dieser Zeit ist unser Selbstbild nichts Beständiges – Wünsche, Ängste und Träume ändern sich jeden Tag – oder zumindest bei mir ist es so. Wir ändern unser Aussehen, probieren verschiedene Stile aus, decken uns mit Zeug ein das wir nicht brauchen, grenzen uns ab oder andere aus – wir konstruieren unsere Identität oder ein Bild unser selbst wie wir gerne wären. Und ist man endlich soweit, dass man akzeptiert, dass man auch mal verwirrt ist und nicht immer weiß oder sich selbst nicht erklären kann was man will und dies dann auch noch offen zugibt wird man angreifbar, im schlechtesten Fall sogar zur Zielscheibe. Wer über seine Gefühle schreibt, zugibt, dass er Arbeit in die Texte steckt welche schlussendlich gepostet werden macht sich verletzlich. „Blogs find ich eigentlich grundsätzlich scheiße!“ – hab ich schon öfter gehört und es ist auch legitim das zu sagen obwohl ich solchen verbalen Rundumschlägen immer kritisch gegenüberstehe. Es tut mir nicht persönlich weh wenn jemand so etwas sagt, viel mehr tut es mir leid, dass viele den Zugang zu der geballten Erfahrung die viele Blogs vermitteln nicht finden können. Dank Blogs habe ich schon in einigen Städten wunderschöne, versteckte Plätze entdeckt oder ohne großartiges Suchen in tollen Lokalen gegessen. Ich kann mich tagtäglich in Bereichen die mich interessieren weiterentwickeln und profitiere von der Arbeit die sich andere Menschen für ihre Leser machen.

Sophie hat mir einen Artikel mit dem Titel „Schnappatmung“ gezeigt. Die Autorin kritisiert, dass sehr viele Menschen in der heutigen Zeit vor allem in sozialen Netzwerken oder allgemein im Internet ständig ihre Meinung zu einem Thema kundtun ohne überhaupt verstanden zu haben worum es geht. Man spricht in diesem Fall auch von einer Helikoptermoral – jedes Wort wird auf die Waagschale gelegt, Verständnis oder Humor – leider nicht vorhanden. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer erklärt, dass unsere Gesellschaft dies – ein ständiges und gnadenloses Werten – braucht um die eigene Unsicherheit die man aufgrund der immer komplexer werdenden Vorgänge in einer sich ständig aktualisierenden Welt zu überwinden. Aber wenn wir schon werten und kritisieren sollten wir uns dann nicht wenigstens vorher im Klaren darüber sein worum es geht ? Noch bevor wir verstehen worum es eigentlich richtig geht, noch bevor wir uns Zeit nehmen, uns nochmals hinsetzen um uns eine reflektierte Meinung zu bilden steigt unser Blutdruck und im nächsten Moment wettern wir schon los. “Wieso sollte ich den Artikel überhaupt lesen – die Überschrift sagt doch schon alles?!” Natürlich bekommt niemand gerne negative Kritik und ich merke auch, dass wir Menschen zunehmend empfindlicher im Bezug darauf werden. Benimmt sich die Person wegen mir jetzt so komisch? Hat die mich grad doof angemacht ? – würden meine deutschen Freunde fragen. Aber warum zur Hölle ist das so – sind wir alle zu selbstbezogenen Arschlöchern geworden die in ihrer Psychose jeden Mist auf sich beziehen müssen? Vielleicht liegt es daran, dass wir uns unsere Bestätigung viel zu oft von außen holen – „Wie viele Likes hat mein Bild auf Instagram?“ – „Also mein Profilbild muss auf jeden Fall mehr Likes haben als das letzte sonst…“ – fühl ich mich wie der letzte Dreck oder wie ?

Natürlich sind wir soziale Wesen die auf das Wohlwollen ihrer Mitmenschen angewiesen sind, den Menschen die ich liebe und welchen ich vertraue muss ich dies aber auch nicht jeden Tag schriftlich mitteilen und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir viel zu überempfindlich auf unsere Umwelt reagieren – ich eingeschlossen. Auch wenn ich aus der Vergangenheit lerne und versuche mit dem was ich auf meiner wordpress Seite poste niemanden zu verletzen, tue ich es scheinbar doch – meine Mitmenschen kritisiere ich nämlich am liebsten subtil über Blogposts – direkt mit den Leuten zu sprechen die mir auf den Keks gehen  find ich nämlich viel zu Mainstream. Wenn ich sage, dass uns nicht jeder was Böses will oder nicht hinter jedem Facebook Post eine versteckte Hassbotschaft steckt hat dies nichts mit Naivität zu tun, vermutlich sind wir unseren Mitmenschen manchmal einfach viel egaler als wir denken.

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