Erasmus und die berühmte Selbstfindung…

Erasmus Trennungen, Erasmus Beziehungen, Erasmus Gspusi, Erasmus Depression- Erasmus hat sein Label vielen Dingen aufgedrückt in denen es um Gefühle geht. Ja Erasmus ist etwas Schönes, eine Zeit die man im Leben vielleicht nur einmal so erlebt aber manchmal ist Erasmus auch echt scheiße – nämlich dann wenn man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss.

Immer wieder beschleicht mich das Gefühl, dass Erasmus die einmalige Gelegenheit für alles ist -um jedes Wochenende einen anderen Kerl aufzureißen („Ich bin ja schließlich nur einmal auf Erasmus!!“) – sich vom Lebenspartner zu trennen („Ich bin jetzt doch so lange auf Erasmus“) oder einfach mal casually 10 Kilo zuzunehmen („ Ach bitte mit panna ich bin schließlich auf Erasmus“). Was hinzukommt ist die berühmte Suche nach dem Selbst. Freundinnen die bereits im Ausland waren teilten mir nach ihrer Rückkehr kryptisch mit „Auch du wirst dich in der Zeit noch anders kennenlernen!“ – Vielen Dank, ich komme schon mit dem Ich was ich jetzt kenne nicht richtig zurecht. Aber auch ich muss zugeben, dass ich die Ausrede mit der Selbstfindung benutzt habe um mich mit gewissen Dingen einfach vorerst nicht auseinandersetzen zu müssen. z.B mit meinem Kopfchaos in dem ich mich viel zu oft verliere. Besonders vor meiner Abreise fühlte ich mich oft orientierungslos, stellte meine Entscheidungen infrage und vertraute meinen Gefühlen nicht. Soll ich überhaupt ins Ausland gehen, hast du nicht eigentlich keine Zeit dafür ? – meldete sich die Vernunft. Hab Spaß, mach mal wieder durch, betrink dich und finde ein Bier was dir schmeckt- verlautbarte mein unvernünftigeres Selbst. Hinzu kam Prüfungsstress, Beziehungswirrwarr und Freundinnen die ihr Leben ebenfalls nicht ganz unter Kontrolle hatten. Soll schnell konnte ich gar nicht schauen war ich schon hier in Italien, gefühls- und kopfmäßig aber noch in Wien. Konfrontiert mit Herausforderungen und wunderschönen Bekanntschaften und neuen Eindrücken verdrängte ich das was mich bei meiner Rückkehr wieder erwarten würde schnell in den Hintergrund. Du schaust jetzt mal auf dich – lautete meine Devise. Wenn ich jetzt Bilder vom letzten Semester anschaue merke ich es – das bin zwar ich auf den Fotos aber oft war ich einfach nicht da. Ich bin untergangen in den Problemen die mich belastet haben, hab versucht mir vor den anderen so wenig wie möglich anmerken zu lassen und nicht gesehen wer es eigentlich gut mit mir meint.

Rückblickend hat es mir in den ersten Wochen hier gut getan einfach mal den Kopf abzuschalten aber irgendwann – ob man will oder nicht – muss man sich dann doch mit sich selbst auseinandersetzen, denn auch wenn gerade mal 6 Wochen vergangen sind weiß ich, dass das Ende meiner Erasmuszeit schneller vor der Tür stehen wird als gedacht und dann will ich nicht wieder genauso weit sein wie vor meiner Abreise. Immerhin ein paar Dinge habe ich in Italien schon über mich erfahren.

Ich bin ein Mensch der nicht ständig Programm braucht oder von anderen bespaßt werden muss. Manche würden vielleicht sogar sagen, dass ich ab und zu zu einzelgängerisch unterwegs bin, zu viel für mich behalte was ich aber an sich nicht schlecht finde. Als strong and independent ragazza kann ich alleine ins museo oder shoppen gehen ohne mir dabei blöd vorzukommen. Es ist wichtig nicht komplett durchzudrehen wenn man nur seine eigene company hat sondern man sollte lernen diese schätzen und es vielleicht einfach mal zu akzeptieren, dass man, wie in meinem Fall, ein emotionales Wirr Warr ist. Es gibt so viel im Leben was ich will und vieles was ich nicht will. Bei dem meisten was mir da durch den Kopf geht bin ich ziemlich unsicher – an einem Tag will ich rosa Haare, am nächsten ein Tattoo und am übernächsten eine eigene Nähmaschine besorgen und endlich lernen wie man mit Stoffen umgeht. Und das ist erst der Anfang. Vielleicht ist mein Selbstfindungsergebnis bis jetzt einfach, dass ich mir eingestehen kann dass ich nicht weiß was ich will. Ich will mich nicht immer rechtfertigen müssen für die Entscheidungen die ich treffe und gleichzeitig verlange ich es aber von anderen Leuten. Ich will jetzt noch nicht mein Leben für die nächsten 10 Jahre vorausplanen, gleichzeitig bewundere all jene die es tun. Ich will meiner Mutter nicht erklären müssen, dass ich ihr nicht garantieren kann, dass sie mal eine junge Oma wird die eventuell noch für die Mama ihrer Enkelkinder gehalten wird. Ich will kein schlechtes Gewissen haben wenn ich sage, dass ich nicht weiß ob ich mal als Lehrerin in einer Klasse stehen möchte und zeige gleichzeitig Unverständnis bei jenen die Medizin nicht geschafft haben und nun Jus studieren.

Ich möchte die Pflichten die auf mich warten meistern, ich will mein Studium abschließen und irgendwann als Visagistin oder sogar als Make up Artist auf eigenen Beinen stehen. Ich will tagtäglich Entscheidungen treffen durch die ich Leid nicht vergrößere sondern durch jede zu dem Weltbild beitrage das ich mir wünsche. Aber vor allem möchte ich mit Stolz hinter diesen Entscheidungen stehen, deren Konsequenzen mit Freude tragen und mir Fehler eingestehen können. Ich will Dinge und Menschen die mir nicht gut tun hinter mir lassen und all dem was mich glücklich macht mehr Zeit schenken. Ich will weniger materialistisch sein und mich von dem Gedanken befreien immer mehr zu brauchen und mich ständig vergleichen zu müssen.

So abgeklatscht es klingt: Jetzt ist nicht die Zeit um jeden zweiten Tag meinen Kleiderschrank upzudaten („Bologna, die Modemetropole schlechthin – „Bologna is doch gar keine…“ –„DIE MODEMETROPOLE“) oder mich sinnlos zu betrinken wenn mir einfach nicht danach ist („na geeeeeh, du bist nur einmal auf Erasmus”) sondern eher Stimmungen einzufangen und Momente sowie Bilder zu sammeln. Die Zeit, um einfach mal kurz innezuhalten wenn ich in der Früh mit meinem Rad über die Piazza Maggiore rolle, mir die warme Sonne ins Gesicht scheint und der Dom sich mächtig vor mir aufbaut.

Meine Zeit hier zeigt mir schon jetzt wie wertvoll jeder Ort und jeder einzelne Mensch für mich ist und wie dankbar ich sein kann, dass so viele neue Personen in mein Leben getreten sind mit denen ich ein Stück des Weges gemeinsam gehen kann. Denn sie alle testen mich – ich merke endlich, dass meine Begeisterung für so viele Dinge zurückkommt und ich oft einfach nur dastehe und sage „Hej, das macht mich grad echt glücklich!“.

Ja – vielleicht ist Erasmus die Zeit um „sich selbst zu finden“ und sich „selbst anders kennenzulernen“ – aber wahrscheinlich ist es auch die Zeit in der man sich eingestehen kann, dass man sich oft selbst nicht versteht, grinsend auf der Piazza sitzt und nicht weiß wieso (ok vielleicht ist es das Eis in meiner linken Hand, ach ja und der Schlagobers,..vielleicht..) und das alles einfach mal so hinnimmt und sein Erasmus-Ich lieben lernt.

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